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Wie man das Neue evaluiert

24.05.2011 00:00

Es liegt in der Natur des Menschen und nicht nur des Deutschen, mit zunehmendem Alter alles Neue allein deswegen abzulehnen, weil es neu ist.

Nun ist tatsächlich nicht alles Neue gut, aber wie unterscheidet man das ungute Neue vom nur ungewohnten Neuen? Ich verwende dazu die Zeitumkehr: Man stelle sich einfach vor, das Neue habe vor dem Gewohnten bestanden und das Altbekannte sei die Innovation.

Testen wir das am Beispiel der Papierzeitung, die von Verlegern und Politik zur Königin des Journalismus verklärt wird, während die zugehörigen Online-Ableger stiefmütterlich behandelt und von Praktikanten mit Agenturmeldungen und Klickstrecken gefüllt werden. Ist nun die papierene Zeitung tatsächlich und auf lange Sicht die Krönung der Nachrichtenvermittlung, während das Internet allenfalls eine zweitklassige Ergänzung darstellt?

In der Parallelwelt, die ich aufziehen möchte, sind Tabletcomputer seit jeher verbreitet und füllen sich laufend mit den aktuellsten Meldungen. Finanziert wird das durch eingeblendete Werbung und bei besonders umfangreichen Hintergrundberichten über ein Micropaymentsystem. Nun stelle ich mich hin und mache der staunenden Öffentlichkeit folgenden Vorschlag:

„Statt immer die aktuellsten Meldungen zu lesen, könnten wir uns doch darauf beschränken, die Nachrichten vom Vortag zu sammeln und erst am nächsten Morgen zu beachten. Und die Neuigkeiten von heute lassen wir vor uns verbergen und nehmen sie ebenfalls erst am Folgetag wahr! Das klingt schon toll, werden Sie sagen, aber es kommt noch besser: Wir lassen die Texte nicht elektronisch zu uns übertragen, sondern auf Papierbögen liefern. Wir fällen einfach Bäume, transportieren sie zu einem Sägewerk und von dort aus in eine Papierfabrik. Das Papier schaffen wir dann in eine Druckerei und stempeln darauf die Nachrichten von gestern. Zigtausendfach, für jeden Leser einmal. Diese Papierbögen falten und stapeln wir, fahren sie mit Dutzenden Lieferwagen vor die Haustüren sogenannter Zusteller, und die radeln dann mitten in der Nacht durch die Straßen und stecken jedem Leser so ein Druckwerk an die Haustür.

Die Vorteile sind enorm: Statt des Stroms für die Datenübertragung benötigen wir nun Unmengen an Ressourcen, Treibstoff und Mitarbeitern. Das Beste aber kommt noch: Am nächsten Tag wirft jeder Leser das Papier in den Müll, die Ressourcen werden also prompt verschwendet und weitere Arbeitskraft bei der Entsorgung gebunden! Und als wäre das alles nicht famos genug, sind wir künftig auch nicht mehr sofort informiert, sondern mit erheblicher Verzögerung.

Sie sehen, dieses Konzept namens Papierzeitung muss sofort eingeführt werden, es ist den Onlinemedien in jedem Punkt überlegen!“

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