Hundertvierzig

Bescheidung ist die selbstgewählte Form der Beschränkung und ein Motor der Kreativität. Der Schwarzweiß-Fotograf verzichtet auf Farbe, Ton, Bewegung und schafft doch ebenso Kunstwerke wie der Filmer. Kurzgeschichte und Roman unterscheiden sich im Umfang, nicht im Niveau.

Wenn die Bescheidung ins Extreme geht, und man sich mit 140 Zeichen pro Werk begnügen will, kann man dann noch Sinnvolles und Lesenswertes schaffen?

Der Internetdienst Twitter beweist es. Manche nutzen ihn zum Tratsch, andere als Tagebuch, einige aber als literarische Veröffentlichungsplattform, wo jede Twitter-Meldung, jeder Tweet, ein kleines Kunstwerk, eine Kreativleistung darstellt. Das können Aphorismen und Bonmots, Zoten und Tiraden sein, Witze und Gedichte, Alltagsminiaturen und Charaktergemälde.

Mein Schwerpunkt ist die Auslotung des Humors in 140 Zeichen Tiefe: Was lässt sich Witziges in dieser Kürze sagen? Witziges im umfassenden Sinne des Geistreichen und Humorvollen, Albernen und Absurden. Oft scheinen viel mehr Buchstaben nötig, um den Weg zur Pointe in Worte zu kleiden. Dann heißt es kürzen, umstellen, neu formulieren, bis die magische Zeichengrenze eingehalten ist. Ein intellektueller Rätselspaß, der beim Lesen kaum zu erahnen ist und sich nur in der Prägnanz des Ausdrucks offenbart.

So habe ich Twitter im Vorwort zu meinem Tweetbuch beschrieben, und die neue Blüte des Aphorismus, die uns Twitter bescherte, schon früher besonders hervorgehoben.

Umso mehr freut es mich, einen KulturSPIEGEL-Artikel zu lesen, der ins gleiche Horn stößt und Twitter auf dieselbe Art zu schätzen weiß wie ich. Man sollte jeden darauf verweisen, der den Reiz von Twitter nicht zu erkennen mag. Leider gehören dazu auch die Investoren und Manager von Twitter selbst, die aus ihrer Kurztextplattform am liebsten einen kunterbunten Facebook-Klon machen würden.