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Dienstanweisung Internet

19.09.2012 17:44

„Dienstanweisung Internet“ nennt Gerald Fricke sein Buch, das aus 96 leeren Seiten bestünde, wenn er sie nicht mit lakonischen Kommentaren zu Phänomenen der Netzwelt vollgeschrieben hätte.

Trotz Lemmatisierung liest es sich nicht wie ein Lexikon, sondern nutzt die Stichwörter nur als gedankliche Anknüpfungspunkte:

„Abwesenheitsmails. Schon gewusst? Menschen mit mehrsprachigen Abwesenheitsmails im Nominalstil sind meistens die mittelwichtigsten.“ (S. 6)

„Erwartung. Ich erwarte im sozialen Web doch einfach nur von euch, dass ihr meinen popkulturellen Erinnerungsraum und assoziativen Überbau der Achtziger Jahre mit mir teilt. Mehr ist das doch gar nicht!“ (S. 24)

„Followerpower. Lebt Herman van Veen eigentlich noch in dieser Windmühle?“ (S. 27)

Ist es ein gutes Buch? Das wollen wir in einem Vergleichstest herausfinden!

Da Fricke kein Anfänger ist, muss er sich gefallen lassen, gegen einen Klassiker anzutreten. Wenig überraschend ist dies Eva Exners „Braten und Schmoren im Römertopf“ (1970).

Gleich zu Beginn des Werkes öffnet uns Frau Exner ihr Herz:

„In der Schule träumte ich davon, mit einem Kriminalroman berühmt zu werden. Es sollte knistern vor Spannung, Aktion, Sex und Grauen … Dazu kam es nie, denn mit Zwanzig war ich schon verheiratet und 1960 wurde dann meine Tochter Susi geboren.“ (S. 4)

Erschütternd. Ich schäme mich meiner Tränen nicht! Doch was hat Fricke diesem Frauenschicksal entgegenzusetzen? Einen Arbeitsplatz am „Institut für Wirtschaftsinformatik“ (S. 3).

Die Enttäuschung setzt sich fort: Wer gutes Essen mag, wird von der „Dienstanweisung“ schimpflich allein gelassen. Sicher wäre auf fast hundert Seiten noch Raum für wenigstens ein Rezept gewesen, aber: nichts!

Ganz anders das Römertopfbuch, das geradezu überquillt vor Leckereien: „Von dem Gänsehals vorsichtig die Haut von den Knochen und Knorpeln abziehen, an einem Ende zunähen. (…) Die Farce kurz in der heißen Butter andünsten und dann in den Gänsehals füllen, der nun auch am anderen Ende zugenäht wird.“ (S. 65) Parbleu! Solch eine Farce kann uns die Dienstanweisung nicht bieten!

Eva Exner erklärt uns sogar, dass eine Erhöhung oder Reduzierung der Garzeit die Krustenbildung beeinflusse (S. 14). Kein Wort davon bei Gerald Fricke; er setzt dieses Wissen einfach voraus und erschwert dem arglosen Buchkäufer die Krustenbildung.

Wussten Sie, dass ein Kapaun ein kastrierter Masthahn ist? Gerald Fricke auch nicht, Eva Exner selbstverständlich (S. 57).

Wer widmet sich dem Alltagsproblem „Kaninchen in Bier“? Wieder nur das Römertopfbuch (S. 49), nicht die Dienstanweisung.

Die Beispiele sind Legion, und so nimmt es nicht wunder, dass nur Eva Exner begeisterte Leserzuschriften zitieren kann:

„Unsere Kundin, Frau U. U. aus H. schreibt uns: ‚Ihr Römertopf ist wunderbar, alles gerät so gut! Ganz vorzüglich wird auch Hackbraten in ihm.‘“ (S. 41)

Kann man solchen Testimonials trauen? Unser Blogleser H. W. aus B. sagt ja, und so muss es stimmen.

Welches Buch soll man nun kaufen? Das Römertopfbuch kostet bei Amazon einen Cent, was gewiss nicht überteuert ist. Die Dienstanweisung kostet 7,95 Euro, enthält keinerlei Rezepte und zu allem Überfluss auch noch ein Foto des Autors auf Seite 94. Das kann man allerdings mit einem Hühneraugenpflaster überkleben. Im Grunde läuft die Entscheidung darauf hinaus, ob man Hühneraugen hat oder nicht.

Inwieweit ein Buch als Geschenk taugt, vermag ich nicht mehr zu beurteilen, seit ich einmal im Göttinger Antiquariat Pretzsch ein Exemplar von Solschenizyns „Archipel Gulag“ in der Hand hielt, vorne drin in schöner Handschrift die Widmung „Alles Gute zum Muttertag!“

Kaufen Sie doch einfach alle drei Bücher.

Man lese auch meine anderen Rezensionen.

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