Das haekelschwein Blog

Twitter Mastodon Simplesachen Blog lesen

Eine Schwalbe im Winter

19.12.2011 21:08

Der schlimmste Feind des Vorurteils ist die Konfrontation mit der Wirklichkeit.

Man stelle sich vor, Hans-Peter Friedrich bekäme eine türkische Schwiegertochter, lernte Muslime als Menschen statt Gefährder kennen und fände solchen Gefallen an der ihm neuen Kultur, dass er die Geschichten Hodscha Nasreddins ins Bairische übersetzte und abends im deutsch-türkischen Kulturverein vorläse.

Wäre das nicht eine herzerwärmende Geschichte?

Doch selbst, wenn sie wahr würde, änderte sie nichts daran, dass die CSU eine integrationshinderliche Partei bliebe, die immer dann Xenophobie schürt, wenn wieder eine Wahl zu gewinnen ist.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, so erfreulich diese Schwalbe auch sein mag.

 

Was Herrn Friedrich noch nicht passiert ist, hat Peter Altmaier am eigenen Leibe erfahren: Er hat etwas Fremdes näher kennengelernt, das vielen gleichaltrigen Parteikollegen nur aus Schauergeschichten bekannt ist - das Internet.

Natürlich haben alle diese Unions-Politiker Berührung mit dem Internet, es fragt sich nur, wie. Sie haben ja auch täglich mit Muslimen Kontakt - im Taxi und an der Dönerbude, aber kaum im Freundes- und Familienkreis.

Es ist eben ein Unterschied, ob man das Internet nur aus Papierausdrucken in der Pressemappe kennt (vielleicht sogar selbst von Bild.de zu Welt.de surfen kann), oder ob man wirklich online lebt, also das Internet in seinen Alltag integriert hat und es als festen Bestandteil sozialer Interaktion betrachtet.

Altmaier hat zu twittern begonnen und gerade dadurch aufgehört, das Internet aus der Vogelperspektive zu betrachten. Stattdessen erlebt er es nun auf der Augenhöhe der aktiven Netznutzer und bemerkt, dass es sich nicht um einen Verbund von Onlinemagazinen und Shoppingseiten handelt, nicht um einen Videotext mit Bestellmöglichkeit, sondern um eine Agora, wo ohne redaktionellen Filter Meinungen, Ideen und Gefühle ausgetauscht werden, und zwar zwischen echten Menschen. Das einzig Virtuelle daran ist der Ort - welcher es ermöglicht, dass Leute zueinanderkommen, denen es in der „realen“, also eingeschränkten, Welt nicht möglich wäre.

Wer dies erlebt hat, kommt auch nicht mehr auf die Idee, jemandem das Internet abschalten zu wollen wie einem ungezogenen Kind den Fernseher, denn das Internet ist keine Berieselungskiste, sondern ein Sozialisierungsmedium. Internet kappen wegen Urheberrechtsverstößen heißt, ein Kind, das in der Schule abgeschrieben hat, in den Keller zu sperren und dort in Isolationshaft zu lassen; das hat nichts mehr zu tun mit dem Wegnehmen eines Spielzeugs und ist keine Erziehungsmaßnahme, sondern eine Menschenrechtsverletzung.

Vernünftige Internetgesetzgebung können wir erst erwarten, wenn die Mehrheit unserer Abgeordneten aktive Netzbewohner geworden sind und sich nicht mehr nur die Nasen am Schaufenster der Onlinewelt plattdrücken.

Einen solchen Selbstversuch wie Altmaier sollte eigentlich jeder von ihnen wagen, es kann nur besser werden.

Erwartbar ist das aber für die nähere Zukunft nicht, und so werden wir noch viele unsinnige Gesetzesinitiativen aus den Reihen der CDU zu ertragen haben, und Altmaier wird denen wohl oder über zustimmen müssen, denn was das Internet betrifft, ist und bleibt er in der falschen Partei.

Deswegen kann und darf man den positiven Eindruck eines einzigen netzaffinen Unionspolitikers auch nicht auf die Gesamtpartei übertragen, wobei es in diesem Punkt um die SPD kaum besser bestellt ist.

 

In meinen Augen bleibt das Wählen der Piratenpartei die sicherste Methode, eine freiheitliche Netzpolitik dauerhaft in der politischen Agenda zu verankern. Dabei kommt es gar nicht auf mögliche Regierungsbeteiligungen der Piraten an, sondern es reicht schon, dass die Angst vor Stimmenverlusten an die Piraten bei den etablierten Parteien dazu führt, dass man Netzthemen und Internet-Bürgerrechte ernst nimmt und nicht wieder den Computer als einen Buhmann aufzubauen versucht ist, um Stimmenfang im Altersheim zu betreiben.

Auch unsere Umweltgesetzgebung hat nicht vornehmlich durch Regierungsbeteiligung der Grünen ihren heutigen Stand erreicht, sondern schon durch das bloße Mitspielen der Grünen im Konkurrenzkampf um Wählerstimmen.

Zurück