Das haekelschwein Blog

Bluesky Mastodon Simplesachen Instagram

Alltagssünder

12.11.2010 16:15

In Göttingen führt Richtung Innenstadt die vierspurige Weender Landstraße, die beidseitig schöne breite Radwege hat, welche traditionell in beide Richtungen benutzt werden.

Wie ich und tausend andere Göttinger unlängst durch eine freundliche Polizeikontrolle erfuhren, darf der Radweg aber nur in eine Richtung befahren werden.

Ich muss zugeben, dass mir das völlig neu war, obwohl es nach der StVO eigentlich hätte klar sein müssen. Aber die Tatsache, dass sich an diese Regel nie jemand hielt und man auf beiden Seiten stets Gegenverkehr hatte, ließ den Gedanken gar nicht erst aufkommen. Hinzu kommt, dass nach der letzten Kreuzung ein Durchfahrtsverbotsschild für Radfahrer steht und ich dort immer brav die Straßenseite wechselte, weil ich annahm, der restliche Radweg sei nur noch einseitig. In Wahrheit ist das Schild aber überflüssig, wie ich erstaunt zur Kenntnis nahm, und das Durchfahrtsverbot gilt für den gesamten Radweg in der besagten Richtung und nicht erst ab dem Schild.

Auf ein Verwarngeld von 15 Euro wurde verzichtet, womit wenigstens widerlegt ist, dass Verkehrskontrollen nur zur Füllung des Staatssäckels dienten, denn mit den Einnahmen dieser Aktion hätte man gewiss ein neues Polizeiauto kaufen können.

Dennoch kam ich ins Grübeln darüber, wie häufig man doch im Alltag gegen Gesetze verstößt, ohne sich der geringsten Schuld bewusst zu sein.

Wenn die feuchten Träume unserer Innenminister wahr würden und wir eine lückenlose Videoüberwachung zur Ahndung selbst kleinster Übertretungen hätten, fiele mancher brave Staatsbürger, der "nichts zu verbergen" hat, spätestens dann aus allen Wolken, wenn sein Briefkasten vor Bußgeldbescheiden überquölle.

Man stelle sich das einmal praktisch vor: Ich fahre täglich viermal diesen Radweg. Jedes Mal erfasst mich die Überwachungskamera und identifiziert mich anhand der in meinem Ausweis gespeicherten Gesichtsmerkmale. Am Ende des Monats erhalte ich dann plötzlich eine Rechnung über 1.800 Euro, und zwar völlig zu Recht und unanfechtbar, weil ich tatsächlich täglich vier Verkehrsverstöße beging. Dass es welche waren, erfahre ich zwar erst durch diesen Bußgeldbescheid, aber Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Falls die Rechnung erst am Jahresende präsentiert würde, müsste ich sogar rund 20.000 Euro zahlen, bevor ich mein Verhalten entsprechend anpassen könnte.

Zum Glück ist es noch nicht so weit, aber manch einer wird sich dann wundern, dass seine Weste doch nicht so weiß ist, wie er immer dachte.

Aus meinen Tweets im Oktober 2010

31.10.2010 23:59

In jeder Diskussion gibt es einen, der Ahnung hat. Leicht erkennbar an dem unsicheren Stimmchen in den Redepausen der Dummköpfe.

So eine Glastür sieht ja schick aus, aber wenn man sie offen lässt, fließt das Getränk auf den Tisch.

Den Kleinbürger kann man auf zweierlei Weise zufriedenstellen: Indem man ihn belohnt oder indem man andere bestraft.

Ich hatte mal eine Pilzerkrankung. Da konnte ich nur noch auf einem Bein stehen und meinen Hut nicht abnehmen.

Die größte Privacy-Bedrohung sind nicht Soziale Netzwerke, sondern unsere Mütter auf Kaffeeklatsch bei den Nachbarn.

Wie nennen es Twitterer, wenn beim Sex mal einer mehr dabei ist? Einen flotten Zweier!

Größe zeigt sich darin, niemanden klein halten zu müssen.

Demokratie ohne Grundeinkommen ist wie Klavierunterricht, bei dem die Ärmeren Fausthandschuhe tragen müssen.

Bevor es Tetrapacks gab, kam die Milch aus Rindviehbusen. Glaubt einem heute keiner mehr!

Historische Programmschleifen

19.10.2010 22:12

Das Geheimnis von Programmschleifen sei, dass man den Lochstreifen mit acetonverdünntem UHU zusammenfüge, damit er nicht im Lesegerät festklebe.

Das erzählte Prof. Dr. Rudolf Kippenhahn, der vor 60 Jahren am ersten in Göttingen gebauten Computer astronomische Berechnungen vornahm.

Die Taktfrequenz dieses Göttinger Universitätscomputers G1 betrug damals vor 60 Jahren 2 Hertz. Mein Telefon arbeitet heute mit 412 Millionen Hertz.

Bürger oder Humankapital

19.10.2010 16:01

Einwanderer nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit auszuwählen, heißt auch, dass wir uns selbst nur als Humankapital statt Bürger sehen.

Wer zu uns gehört und wer nicht, entscheidet dann im Endeffekt die Wirtschaft: Bürger = für die Wirtschaft brauchbar.

Eine extreme Fortführung wäre, dass irgendwann die ersten Bürger als Minderleister aus Deutschland entlassen werden.

Bewertungsmaßstäbe, die zunächst nur an der Peripherie und beim Fremden angesetzt wurden, fanden immer irgendwann den Weg in die Mitte.

Aus meinen Tweets im September 2010

30.09.2010 23:59

Wie beginnt man eigentlich einen Roman, wenn es wirklich ein kalter, regnerischer Tag war und in der Ferne ein Hund bellte?

Immer, wenn jemand meinen Käsehobel benutzt, juckt mir der grindige Zeh. Er weiß mehr als meine Gäste.

Wer die Naturwissenschaften ablehnt, sollte auch auf die Erfindungen verzichten, die durch ihre Anwendung möglich wurden.

Stelle gerade fest: Nicht mich machen Streifen schlanker, sondern ich mache Streifen zu Bögen.

Dass BILD die Meinung stützt, Dumme dürften sich nicht fortpflanzen, hat die Redaktion gewiss nicht mit der Vertriebsabteilung abgesprochen.

Ich beginne gerade meine Hochzeitsvorbereitungen. Punkt eins auf der Liste ist „Braut“.

2513 treffen sich Papst Dodo Boing und EKD-Vorsitzende Blip zur Vereinigung ihrer Kirchen in Rudis Bierstube. Alle Mitglieder sind anwesend.

Wieder dazugelernt: Bei einem Kino-Date sollte man nebeneinander sitzen und nicht in unterschiedlichen Sälen an verschiedenen Tagen!

Bleu de Chanel’ klingt für deutsche Ohren auch weniger nach Herrenduft als nach Kritik an der seligen Firmenchefin.

Ich stehe morgen wieder mit meinem ‘Cthulhu hasst dich’-Schild in der Innenstadt.

Habe mir gerade ein Radieschen von unten angesehen. So schlimm ist Totsein wohl gar nicht.

Seinem Gegenüber einen Kuchenkrümel aus dem Mundwinkel zu streichen, ist nur romantisch, wenn man dazu nicht die Kuchengabel benutzt.

Es kommt immer gut, wenn ich sage „Ich habe dir Knabbersachen mitgebracht!“ und auf meine Ohren zeige.

Mancher verhält sich beim ersten Date so korrekt, dass er gar nicht erst die Gelegenheit bekommt, sich beim zweiten danebenzubenehmen.

Bin auf einen E-Mailbetrug reingefallen: Habe meinen Penis vor vier Wochen zum Verlängern weggeschickt und noch nichts zurückbekommen!

Ich bewundere niemanden, der barfuß über Scherben läuft. Der soll doch die Wohnung aufräumen und mit dem Saufen aufhören!

Schlimm, dass mancher die Dummheit gepachtet hat. Schlimmer, dass er noch Untermieter findet, die ihm die Pacht zahlen!

Ich stelle mir jetzt eine zweite Zahnbürste ins Bad und hoffe auf die Umkehrbarkeit der Kausalordnung.

Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, ist er Linkshänder.

Spendenfreudige Milliardäre

01.09.2010 14:30

Spendenfreudige Milliardäre sind wie prügelnde Ehemänner, die zum Hochzeitstag einen Blumenstrauß kaufen. Sich gegen Steuern wehren, aber dann ein soziales Gewissen nach Gutsherrenart pflegen, anstatt das neoliberale System in Frage zu stellen. Steuern sind demokratisch (alle entscheiden über deren Verwendung), Spenden sind absolutistisch (nur der Spender entscheidet). Deswegen wäre es nobler, wenn sich Milliardäre statt zu spenden dafür einsetzten, höher besteuert zu werden und mehr Lohn zahlen zu müssen.

Aus meinen Tweets im August 2010

31.08.2010 23:59

Auf Seite 30 meiner Autobiografie merkte ich, dass ich versehentlich eine Zusammenfassung aller James-Bond-Filme geschrieben hatte.

Wollte beim Fotografen ein Pärchenfoto machen lassen. Stellt sich raus: Man muss eine Freundin selber mitbringen!

Wenn erstmal alle Buchstaben ins Internet eingescannt wurden, kann sich jeder mit seinem Computer unbefugt alle Bücher zusammensetzen!

Mancher hüpft lebenslang auf einem Bein, wundert sich über sein schweres Vorankommen und bemerkt erst auf dem Sterbebett den zweiten Fuß.

Andere Menschen für dümmer zu halten, ist ein schlechter Charakterzug, mit dem man aber selten falschliegt.

Mitten im Schlaf merken, dass man noch am Bücherregal steht und im Etymologieduden blättert (aus mittelhochd. bleteren aus indogerm. *bʰel-)

Ich finde, man sollte viel mehr Dinge verbieten, die ich nicht verstehe und mit denen ich nicht aufgewachsen bin.

Alter beginnt, wenn man eine vielmals erzählte Geschichte trotzdem wie neu berichtet. Kindheit endet, wenn man als Zuhörer da mitspielt.

Meine erste Begegnung mit der EDV hatte ich 1977, als wir im Kindergarten grünweißes Endlospapier mit Wachsmalstiften bekritzeln durften.

Ein akademischer Titel ist ja ganz nett, aber um als intellektuell zu gelten, reicht eine Brille und ein Fremdwort.

Ohne Print gäbe es keinen Qualitätsjournalismus. Und ohne Senf gäbe es keine Limonadengläser.

Zoologisches Phänomen: Ergreift man mit der linken Hand die Nase und führt den rechten Unterarm durch die Armbeuge, wird man ein Elefant!

Gute Möbel erkennt man nicht an goldenen Schrauben, sondern am Verzicht auf Schrauben.

Mein zwei Meter hohes Bücherregal ist das ineffizienteste und schönste Speichermedium im Haus. Eine SD-Karte ist einfach nicht so wohnlich!

Mit einer Waffe kann man nicht halb so viel Schaden anrichten wie mit einer Krawatte.

Ich könnte Klavier spielen, wenn die Tasten so angeordnet wären, dass sie ein Lied ergäben.

Ballonseidenhosen haben keinen Gürtel, den man enger schnallen könnte.

Abandonniert Anglizismen! Kommuniziert per nationalem Idiom!

Zum Friseur gehe ich stets mit Perücke, und erst wenn der Schnitt gut geworden ist, setze ich sie ab und sage: „Okay, genau so, bitte!“

Wenn ich einen Euro auf der Straße finde, freue ich mich und lege einen zweiten dazu, damit sich der nächste Finder noch mehr freut als ich.

Ich bin nicht Stubenhocker, sondern Intensivwohner.

Immer, wenn ich Sonne im Herzen und Tränen gelacht habe, spannt sich ein Regenbogen zwischen meinen Brustwarzen.

Meine Geburt war so anstrengend, dass ich erstmal ein ganzes Jahr lang nicht sprechen und laufen konnte.

Alles hat ein Ende, nur die Dauerwurst nicht.

Grußwort zum haekelschwein Tweetbuch

25.08.2010 10:05

Ein Grußwort, in dem Bratfett nicht vorkäme, wäre kaum des Lesens wert, weshalb ich nachgerade erleichtert bin, dieses Hindernis schon so früh genommen zu haben und mich nun dem Thema des Buches widmen zu können.

Unglücklicherweise gibt es ein solches nicht, sondern das einzig Verbindende dieses Werkes ist, dass jeder Absatz nur 140 Zeichen umfasst und anschließend eine neue Sinneinheit folgt. Manchmal schummelt sich noch ein Schlusspunkt als überzähliges Zeichen dahinter, um die Vollkommenheit Gottes zu preisen.

Entstanden ist der Buchtext nicht in vorliegender Abfolge, sondern bunt gemischt im Laufe von anderthalb Jahren mit Hilfe eines Werkzeugs namens Twitter. Das ist ein kleiner schwarzer Kasten mit Buchstaben darauf: Hat man 140 davon gedrückt, öffnet sich die Box, und ihr entfliegt eine Spatzenschar mit dem getippten Text auf Zettelchen an den Waden. Wer die Vögelein einfängt, liest die Texte und schickt selbst eigene Ergüsse an andere Twitterer.

Aus Tausenden solcherart versandter Kurztexte galt es nun, eine zeitlose Auswahl zu treffen, und sie in wiederkehrende Kapitel zu ordnen, als da wären: Leben, Lektion, Liebe, Lamento. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Klobürste und Aphorismensammlung, die sich im Haushalt aufstrebender Pudelfriseure bewähren wird.

Interview zum haekelschwein Tweetbuch

Ich habe mich zum Start des Tweetbuchs interviewt und war ein großartiger Gesprächspartner:

1 Wie lange?

In Planung ist mein Tweetbuch seit Dezember, aber es entstanden laufend neue Tweets, die Eingang in das Buch finden wollten. Endgültiger Redaktionsschluss wurde der dritte August, sodass sich im Buch meine besten Tweets aus anderthalb Jahren Twitterei wiederfinden, fünfhundertachtzig von über neuntausend.

2 Welche?

Das Buch soll für sich selbst stehen können und auch für jene genießbar sein, die noch nie von Twitter gehört haben. Insidergags und Metatweets, die das Medium selbst zum Inhalt haben, wurden ebenso ausgelassen wie allzu computerbezogener Humor oder Tweets, die sich auf ein aktuelles Geschehen bezogen. Ein Twitterer liest das Buch als Tweetsammlung, ein Nicht-Twitterer liest es als Sammlung von Gags, Sprüchen und Aphorismen.

3 Wie spät?

Da müsste ich eben auf die Uhr sehen.

4 Wie groß?

Durch das A6-Querformat benötigt jeder Tweet nur eine Doppelzeile mit nur einem Zeilenumbruch. Auf jeder Seite finden fünf Tweets Platz und die gegenüberliegenden Seiten bilden ein Kapitel. Die Kapitel heißen Leben, Lektion, Liebe oder Lamento und wiederholen sich abwechselnd.

5 Wie viel?

Das Buch kostet als signierte Hardcoverausgabe zehn Euro. Ein Euro davon geht als Spende für die Welthungerhilfe an Flutopfer in Pakistan.

6 Wie geht's?

Muss ja.

7 Warum?

Es macht Spaß, ein so schnelles und flüchtiges Medium wie Twitter einmal in Buchform zu übertragen und ein greifbares Ergebnis seiner Twitterei in Händen zu halten. Die mit Twittern verbrachte Zeit wird so nachträglich zur Buchvorbereitung.

8 Wo?

"Meine Hornbrille ist zu laut" kann man hier ansehen und erwerben.

Zwei liebreizende Definitionen

10.08.2010 18:26

Aus dem Zedler Universal-Lexikon von 1738:

Liebäugeln heisset, wenn das Frauenzimmer einer Manns-Person, so sie zu ihrem Liebhaber erkieset, allerhand verliebte Blicke und Minen mercken lässet.

Liebe ist diejenige Gemüths-Neigung, nach welcher man sich des Geliebten Wohl als sein eigenes zu befördern angelegen seyn lässet.

Garden of Lupines

30.06.2010 01:25

Einst stand ich im Lupinengarten,
über der Schulter meinen Spaten,
und blickte in die Abendsonne,
derweil mich deuchte voller Wonne,
dass nichts seit alten Kindertagen,
den’ schon so lang’ ich musst’ entsagen,
mich jemals so mit Glück erfüllte
und meinen Lebenshunger stillte,
wie dieses kleine Fleckchen Erde,
das ich auf ewig lieben werde,
denn selbst wenn ’s Leben ich verlier,
wachsen Lupinen über mir.

Tierschwänke

12.06.2010 18:36

Einst fragte der Schneck seine Schnecke:
Kommst du mit mir hinter die Hecke?
Da sagte die Schnecke zum Schneck:
Als Zwitter hat das keinen Zweck!

Einst trank eine Katze viel Bowle,
auf dass sie 'nen Kater sich hole.
Auch Sport trieb sie lange und viel,
ein Muskelkater war ihr Ziel.

Das Märchen von Hans und Peter

23.05.2010 16:04

Frankfurt

Heinrich und Paul sind Nachbarskinder. Ihre Väter sind Arbeitskollegen in der Autofabrik und verdienen dasselbe. Beide Kinder studieren nach gemeinsamer Schulzeit. Heinrich wird Manager und Paul wird Ingenieur. Sie finden Arbeit in der Autofabrik.

Um den Aktienkurs zu verdoppeln, entlässt Heinrich die Hälfte der Belegschaft. Zum Dank wird sein Jahressalär auf zwei Millionen erhöht. So viel kann Heinrich gar nicht ausgeben. Jedes Jahr bringt er eine Million auf sein Sparbuch.

Paul ist einer der Entlassenen. Er hatte auch mal ein Sparbuch, aber das musste er plündern, bevor er Arbeitslosengeld 2 bekam. Sein Haus wurde versteigert. Heinrich hat es gekauft. Um es abzureißen.

Hans ist Heinrichs Sohn. Er wächst in einer Villa auf und wird sein Leben lang nicht arbeiten müssen. Seine Familie ist auf Generationen hinaus reich, weil sein Vater Manager war.

Peter ist Pauls Sohn. Er wächst in einer schäbigen Sozialwohnung auf. Ein Studium kann er sich nicht leisten, er wird Gärtnergehilfe. Wenn er die Blumen des Villengrundstücks gießt, denkt er daran, dass hier einmal das Elternhaus seines Vaters stand, und wie schön es doch die reichen Leute haben, die jetzt hier wohnen.

Hans ist reich. Peter ist arm. Es gibt reiche und arme Menschen auf der Welt. Und jeder ist seines Glückes Schmied. Oder?

Der Politiker und die Frau Politikerin

02.05.2010 14:24

Der Deutschlandfunk und andere Medien setzen vor weibliche Politikernamen stets „Frau“, aber vor männliche nie „Herr“: also nur „Schäuble“, aber „Frau Merkel“. Soll das ein Warnhinweis sein?

Auf mich wirkt es sexistisch, wenn nur weibliche Politiker mit einer Geschlechtsklassifikation qualifiziert werden. Entweder Frau und Herr oder nix!

Lenzlodern

21.03.2010 16:49

Los, lauer Lenz,
lass linde Lüfte
liebeslüsternde
Lippen laben!

Lass Ledige
lächelnd
Leidenschaft lernen,
locke lohende Libido!

(Veröffentlicht bei Twitter-Lyrik 2010)

Über Twitter und "Ich male meine Follower"

01.03.2010 20:53

Alles Neue polarisiert, ob in Kunst, Literatur oder Kommunikation. Das gilt erst recht dort, wo alle drei Bereiche zusammentreffen, wie es hier der Fall ist.

Um Twitter zu begreifen, muss man zuerst verstehen, dass es ein Medium und nicht ein Inhalt ist. Es liegt am Twitterer, was er daraus macht, genau wie sich zwischen zwei Buchdeckeln Hochliteratur oder ein Teenagertagebuch befinden kann.

Twitter hat zu einer neuen Blüte des Aphorismus, des Aperçus, des Bonmots geführt. Georg Christoph Lichtenberg und Oscar Wilde wären heute Twitterer. Andere Tweetautoren widmen sich der Poesie, der Ultrakurzgeschichte oder der Alltagsmomentaufnahme.

Man muss als Lesender diese Blüten der Twitterwiese wie ein Schmetterling anfliegen, indem man sie in seine Timeline einflicht. Wer nur wie ein Rindvieh das Gras abfrisst, wird dieser Schönheit nicht ansichtig werden.

Zum zweiten muss man verstehen, dass Twitter interaktiv ist. Was der eine schrieb, wird von den anderen bewertet, weitergegeben und kommentiert. Ein direkteres Feedback hat nie zuvor ein Autor gehabt.

Nicht umsonst heißen die Leser eines Twitterers seine Follower, es sind mehr als bloße Rezipienten.

Was nun ist das Besondere an Michaela von Aichbergers Projekt Ich-male-meine-Follower?

Dreierlei!

Zum einen portraitiert sie nicht den Menschen, sondern dessen virtuelle Repräsentation, was anhand der Tweetinhalte, des Symbolbildes oder des Pseudonyms geschieht. Sie interpretiert also frei nach ihrem eigenen Empfinden die Onlinepersönlichkeit ihrer Follower und setzt sie grafisch um. Das ist etwas konzeptionell Neues, das mit traditioneller Portraitzeichnung nur wenig gemein hat.

Zum zweiten nutzt sie ein Medium, das eigentlich nur aus 140-zeichigen Texten besteht, als grafischen Schaffens- und Schauraum, denn ihre Bilder veröffentlicht sie vornehmlich im Internet.

Die realen Ausstellungen sind die dritte Besonderheit, weil sie gleichsam ein Happening darstellen, das die Onlinewelt in die anfassbare Welt holt und es den Twitterern ermöglicht, einander in Fleisch und Blut kennenzulernen und zu sondieren, wie sich die virtuelle Person von der realen und beide wiederum von der gezeichneten unterscheidet. Hier treffen Mensch, Portrait und Twitteridentität aufeinander.